Reisebericht: Schlaflos in Bangkok

Bangkok empfängt uns mit ohrenbetäubendem Motorenlärm, drückender Hitze, gepaart mit dem unangenehmen Geruch nach Abgasen – und Herzlichkeit. Die Sonne verschwindet hinter einem Schleier aus Smog, es scheint fast immer bewölkt. Doch daran stört sich hier niemand. Das Leben findet auf der Straße statt. Der „Gehweg“ ist gesäumt von kleinen Garküchen, Kleiderverkäufern und aufgespießten Brat-Enten. Um die Straßenseite zu überqueren braucht man entweder viel Mut oder noch mehr Geduld. Der Verkehr wirkt unkoordiniert und halsbrecherisch – trotzdem soll es selten Unfälle geben. Vielleicht liegt das an den kleinen Glücksbringern aus getrockneten Blumen, die am Spiegel von fast allen Taxen, Tuctucs und Privatautos baumeln, wir wissen es nicht.

Am ersten Abend steht uns der Sinn – ganz nach deutscher Manier – nach Bier. In Jack’s Bar werden wir fündig. Die kleine Holzhütte mit Wellblechdach ist zum Fluß Chao Phraya hin offen und man kann an einer langen Holztheke sitzen und die vorbeifahrenden, stets bunt beleuchteten Boote beobachten. Das Eis, das wir zum Kühlen des Bieres bestellen, werfen sich die Bangkoker einfach direkt ins Glas. In Deutschland würde man dafür wohl gesteinigt, hier macht es aber angesichts der Temperaturen zumindest Sinn. Schmecken tut’s aber natürlich „anders“.

Den nächsten Morgen verschlafen wir dank des Jet lags komplett. Erst um 13 Uhr quälen wir uns aus dem Bett, um zum Tempel Wat Arun, den „Tempel der Morgenröte“ zu fahren. Mit einem Wassertaxi wohlgemerkt, was sich schon als nächstes Abendteuer auf unserer noch so jungen Reise herausstellt. Man kauft mehr oder weniger auf gut Glück Ticket und wartet anschließend solang in einer Schlange aus circa 80 Menschen, bis der schrille Trillerpfeifenton des „Taxischreiers“, wie wir sie getauft haben, ertönt. Die Masse schiebt sich langsam in einen gefährlich schaukelnden Kahn mit Planendach. Jetzt schreit uns die Frau am Steg an, vermutlich sollen wir durchlaufen. Wir gehorchen lieber, denn sie hat ein Megafon. So rasen wir über den Fluss, alle paar Minuten halten wir an einem Steg, der Motor heult auf, der Auspuff stößt eine Rauchwolke aus, die jeden Klimaschützer das Herz in die Hose rutschen lässt, und gelangen schließlich an unser Ziel im Ortsteil Bangkok Yai am westlichen Ufer des Flusses. Das Zentrum des Tempels bildet der Phra Prang, ein ca. 80 Meter hohes, pyramidenförmiges Bauwerk mit vier steilen Treppen, die jeweils von riesigen Figuren chinesischer Krieger bewacht werden. Die Fassade ist mit mosaikartigen Steinen in Gelb, -Grün und Blautönen verziert, die in der Gesamtheit des Bauwerks ein umwerfend schönes Muster ergeben. Bei näherem Hinschauen stellen wir fest, dass die Anordnung der einzelnen Steine fast schon als „schlampig“ bezeichnet werden kann – für uns ein Merkmal Bangkoks: Ordentlich ist hier nichts aber in seiner Gesamtheit ist es stets beeindruckend.

Nach so viel Prunk und Glitzer suchen wir uns zurück in das Leben der Bangkoker – und wagen uns an unser erstes Garküchen-Essen am Straßenrand. Mit Kohletabletten bewaffnet nehmen wir Platz auf zwei klapprigen Stühlen, die uns zugewiesen wurden und können nun die Köche bei ihrem unbehandschuhten Treiben, Quatschen und Lachen beobachten. Auch die ein oder andere Stichflamme gibt es zu sehen, dann kommt das Essen. Und das ist hervorragend – und die Kohletabletten brauchen wir auch nicht. Wir sitzen also ganz gemütlich, mitten in Bangkok am Rande einer schmalen Straße, als plötzlich ein Reisebus an uns vorbei donnert und fast den Küchenstand abreißt. Natürlich sind wir wieder die einzigen, die sich darüber wundern. Mitten in diese Szene rollt nun ein ca. Zweijähriger auf einem Bobby-car seinem Papa hinterher, wie selbstverständlich auf einer Straße, auf der wir einen Hund sicherheitshalber auf dem Arm tragen würden. Und das ist der Verkehr in Bangkok: Aus unserer Sicht das pure Chaos aber selbst die kleinsten Bewohner scheinen ganz genau zu wissen, was sie da machen. Und es funktioniert.

In dieser Nacht tun wir uns schwer mit dem Schlafen. Bis halb fünf liegen wir wach, studieren unseren Thailand-Ratgeber. Eine Story auf Instagram führt zu dem ersten witzigen Zufall unserer Reise: Nur 15 Minuten entfernt von uns liegt in ihrem Hotelzimmer eine Freundin aus Berlin, die ebenfalls ihrem Jet Lag erlegen ist. Wir verabreden uns für den nächsten Tag und schlafen endlich ein.

Wir treffen uns mit unserer Freundin am Taxiboot-Stand und fahren zum berühmtesten Tempel Bangkoks, dem Wat Phra Kaeo. Absperrzäune zwingen uns zu einem Spießrutenlauf, vorbei an aufdringlichen Verkäufern, die uns Elefantenhosen und Melone in Plastikbechern andrehen wollen. Als wir zusammen mit ca. 5 chinesischen Reisegruppen am Tor ankommen, fühlen wir uns kurz ins Berghain versetzt, denn der Mann am Eingang schaut uns nur an und schüttelt den Kopf. Wie sich herausstellt, müssen hier auch Männer lange Hosen tragen und bei Frauen reicht ein Tuch über den Schultern nicht, es muss ein richtiges T-Shirt sein. Schnell wird uns auch klar, warum die Regelungen hier so hart sind: Gegenüber werden Thaihosen und T-Shirts verkauft. 350 Baht lassen wir in einem der Läden, nur um vor der Kasse des Temepls Kehrt zu machen: Der Eintritt soll 500 Baht kosten. Das sind 14€ und uns wird’s zu doof. Timo wird seine Hose an den nächsten beinfreien Touristen aus der Schweiz los und wir machen uns auf die Suche nach einem Bier. Wir entdecken Orte, die sicherlich in keinem Reiseführer stehen aber uns mit ihrem ganz besonderen Charme im Gedächtnis bleiben werden. Mein IPhone sagt mir, dass der Stadtteil Talat Noi heißt – Wer in Bangkok mal eine kleine Auszeit von Straßenlärm und Trubel braucht, ist dort für einen kleinen Entdeckungsspaziergang bestens aufgehoben.

Am Ende kommen wir in China Town heraus, erhaschen einen kurzen Blick auf das große chinesische Tor und den Golden Buddha Tempel und trinken endlich unser ersehntes Bier vor einem Supermarkt. Jetzt zieht es uns in die berüchtigte Khao San Road, die sogenannte Backpacker-Straße oder wie wir es nennen würden, der Ballermann von Bangkok. Laute Musik von allen Seiten, jede Bar lockt mit „special offers“, Straßenverkäufer bieten neben süßen Häkeltops auch frittierte Skorpione und Spinnen an. Es wird uns schnell zu viel. Den Abend verbringen wir in einer schönen Bar, abseits des Trubels mit zwei deutschen Reisenden, die wir dort kennengelernt haben.

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